Wir sind in Südafrika angekommen, von hier aus reisen wir 20.000 Kilometer durch alle Klimazonen bis zum nördlichen Polarkreis. Unterwegs suchen wir die bessere Welt.

Das Klima geht zu Grunde. Wir fahren zum Kap der Guten Hoffnung.

Langsam schlägt die blaue Brandung zwischen unseren Füßen auf die Steine, auf den Felsen vor uns sonnen sich ein paar Robben. Es ist ein schöner Ort trotz der Touristen aus Europa, die einen halben Tag geflogen und anderthalb Stunden im Bus gesessen haben, um sich jetzt darum zu streiten, wer vor dem Cape of Good Hope-Schild zuerst ein Foto machen darf.

Wir steigen zu dem beige leuchtenden Felsvorsprung hinauf, der über dem Meer aufragt, stehen hoch oben und gucken in die Richtung, in der die Antarktis liegen muss. Wir waren beide schon mal weiter weg von zuhause, aber irgendwie auch nicht.

“Von hier aus 20.000 Kilometer über Land zurück”, sage ich.

“Ja, crazy”, sagt Theresa.

“Allerdings”, antworte ich.

Kein tiefgründig-schwerer Dialog. Aber mehr trägt dieser Touristenfelsen nicht. Dabei haben wir durchaus Angst. Vor der Reise die vor uns liegt, vor der Zukunft: Blasen die Industriestaaten weiterhin CO2 in die Atmosphäre wie bisher, könnte es dunkel aussehen. Die Architekten des 2015 Paris-Abkommen haben gerade diese Prognose für 2050 veröffentlicht:

Höhere Temperaturen und Luftfeuchtigkeit führen zu stärkeren Stürmen, die Megacities in Ländern wie Bangladesch, Mexiko und den USA zerstören. Tausende sterben jedes Jahr, Millionen sind auf der Flucht. Familien leben in Häusern, die bis zu den Knöcheln unter Wasser stehen, weil es keine Ausweichmöglichkeit mehr gibt, ihre Kinder krank, weil sie in schimmeligen Betten schlafen. Viele Versicherungen sind bankrott und zahlen nicht mehr. Meerwasser ist ins Grundwasser eingedrungen, macht es zu salzig zum Trinken. Es dauert teils Monate, bis Hilfsgüter kommen, weil weltweit so viele Desaster gleichzeitig passieren. Zwei Milliarden Menschen leben an Orten, die 45 Tage im Jahr tödliche 60 Grad Celsius heiß sind, Südeuropa vertrocknet. Das Wetter verliert seinen Rhythmus, Landwirtschaft ist vielerorts unmöglich, Essen wird knapp.

Das ist die Prognose für das Jahr 2050. Theresa wird dann 60, ich 64 Jahre alt sein, also eigentlich schönstes Großelternalter, aber ich kann mich nicht darauf freuen. Theresa ist da glücklicherweise anders. Sie sieht das Leben vielschichtiger. Dazu später mehr.

Die Ursprungsidee lautete: Über Land von Südafrika bis zum nördlichen Polarkreis auf dem Landweg quer durch alle Klimazonen, um über die Folgen der Krise zu berichten. Zumindest einen Versuch wagen, die Auswirkungen in ihrer Komplexität zu beschreiben, greifbar zu machen, anders als so viele Redaktionen, die ihre Reporter für eine Geschichte nach Australien fliegen und nach Marokko für die nächste.

Unsere Route Am Puls der Erde

Doch je mehr wir darüber nachdachten, desto mehr merkten, wir, dass es auch zu kurz gesprungen wäre, so eine Reise zu machen und dann nur die negativen Seiten zu sehen. Dass der enge Blick auf die Katastrophen die Ambivalenz von Krisen außer Acht lassen würde.

Die Historikerin Rebecca Solnit hat ein großartiges Buch über diese Ambivalenz geschrieben A Paradise Built in Hell.

Sie analysiert darin, wie Individuen und Gesellschaften auf Katastrophen reagieren, arbeitet sich durch Fallstudien und akademische Papers und legt dar, wie in solchen Situationen nicht Egoismus, Gewalt und das Recht des Stärkeren herrschen, sondern Anarchismus im ursprünglichen Sinne des Wortes: Die Menschen beginnen, sich eigenständig zu organisieren, schaffen solidarische Strukturen, finden Verbindung und Sinn in dem, was sie tun.

Pauline Jacobsen, eine jüdische Journalistin, schrieb über die Zeit nach dem großen Erdbeben von San Francisco 1906: “In all the grand exodus … everybody was your friend and you in turn everybody’s friend. The individual, the isolated self was dead. The social self was regnant.”

London unter deutschem Dauerbombardement 1940, der große Stromausfall im Nordosten der USA von 2003 oder Hurricane Katrina: Immer wieder berichten Bürger, Schriftstellerinnen und Akademiker von der tiefen Freude, die in diesen Tagen herrschte, davon wie die Schranken zwischen den Menschen fallen, Materielles seinen Wert verliert, und jeder für sich begreift, was wichtig ist im Leben.

Solnit verharmlost dabei nicht das Leid, das Sterben, die brutalen Verluste, sondern vervollständigt das Bild einer Gesellschaft in Momenten, in denen Krisen die herrschenden Strukturen zerschlagen und ihre Mitglieder neue, schönere Strukturen schaffen.

In den dunklen Straßen New Yorks habe man während des Blackout am 15. August 2003 plötzlich wieder die Sterne sehen können.

„However beautiful the stars of a suddenly visible night sky, few nowadays could find their way by them.

But the constellations of solidarity, altruism, and improvisation are within most of us and reappear at these times.“

– Rebecca Solnit

Ein Teil von mir findet, es klingt zu gewollt. Eine linke Autorin schreibt sich ihre schöne Welt herbei. Aber Reporter haben vielleicht auch einen verengten Blick auf die Welt: auf die Krisen, die Konflikte, das Leid.

Diesen Blick, der unser Leben oftmals prägt, wollen wir hinter uns lassen und haben stattdessen, um Charles Dickens zu paraphrasieren, die Landkarte unserer Reise um ein Land ergänzt. Denn, wie er sagt, ist eine Weltkarte ohne Utopia keines Blickes wert, schließlich sei dies der Ort, an den die Menschheit ständig strebe.

Und tatsächlich fehlt etwas in den Prognosen der Naturwissenschaft, das die Geisteswissenschaften kennen, nämlich den radikalen und unvorhersehbaren Wandel von Gesellschaften und das ist wohl die Wahl, vor der wir stehen: Change by disruption oder Change by desaster. Also entweder entzieht die Klimakrise unseren Gesellschaften die Grundlage, oder wir erschaffen neue.

Wir reisen also zu den Menschen, die schon heute die Krise erleben, und die deswegen viellecht auch schon wissen, wie wir damit umgehen können. In dem Essay Afrotopia hat Felwine Sarr dargelegt, warum Afrika der richtige Kontinent für eine solche Reise sein könnte. Er schreibt:

„Dieses Afrika, das ist und das wird, ist vielgestaltig. Seine Vernunft hat viele Gesichter. Es hat seine Welten nicht entzaubert, das spirituelle Leben ist noch lebendig und reich. Seine Religionen, seine Musiken, seine Künste, seine Städte, die Beziehung zu sich selbst, zum eigenen Körper, seine Gegenwart in der Zeit bezeugen diese alltägliche Selbsterfindung. […] Ein enormes Feld zur Bearbeitung der Materie und der Dinge, bereit, sich einem grenzenlosen Universum zu öffnen, weitläufig und heterogen: das Universum der Vielfalt und der Weite.“

Für uns klingt das wie eine mögliche Antwort, denn wir glauben nicht daran, dass technische Lösungen ausreichen werden, um unseren CO2-Ausstoß zu senken, dass es einen tieferen Wandel braucht. Und tatsächlich haben wir gehört von Kapstadt, wo sich die Menschen zusammentaten, um die Wasserkrise abzuwenden. Von Frauen in Mosambik, die sich nach dem tödlichen Zyklon Idai zusammenschlossen, um die Herrschaft der gierigen Männer zu brechen. Indigenen in Kenia, die ihre Wälder besser schützen, als europäisch finanzierte Programme.

Alle sie wollen wir treffen, ihnen zuhören und mit unserem neuen Blick durch Europa bis hoch in die Arktis reisen und versuchen Antworten auf die Fragen zu finden:

Was kommt durch die Klimakrise auf uns zu?

Und welche Chancen bietet sie, um eine gerechtere Welt zu erschaffen?